Grenzgänge zwischen Natur, Gemeinschaft und gelebten Utopien

Am Wochenende des 13. und 14. September wanderte der Dachverband für Natur- und Umweltschutz in seiner Rolle als CIPRA Südtirol gemeinsam mit elf jungen Erwachsenen durch die Südtiroler Alpen und besuchte die gelebte Utopie Vergissmeinnicht um im Anschluss noch ein vertiefendes Gespräch mit der Leiterin der Kunstwerkstatt Bruneck zu führen.

Die Exkursion widmete sich der Frage: „Was bedeutet Inklusion und wie kann sie bei uns gelingen?“ Ziel war es, den Begriff des „Grenzgängers“ auf persönlichen, gesellschaftlichen und geografischen Ebenen zu erforschen.

Den Auftakt bildete der Besuch bei Vergissmeinnicht in Bruneck. Initiatorin Sigrid Regensberger zeigte der Gruppe, wie Menschen mit Beeinträchtigungen in ihrem sozialen Betrieb aktiv eingebunden werden. Die Teilnehmenden erhielten Einblicke in Geschäft, Schneiderei und Planungsräume und erlebten hautnah, wie gelebte Inklusion, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung miteinander verbunden werden.

Auf der Wanderung entlang der Via Alpina von Antholz-Mittertal zur Ochsenfelderalm erfuhren die Teilnehmenden, wie Naturerlebnisse Gemeinschaft stärken und ein Bewusstsein für Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung fördern können. Auch bei Survival-Übungen mit Philipp Schraut stand Zusammenarbeit im Vordergrund: gemeinsam Unterschlupf bauen, Feuer machen und die Natur erkunden – inklusive Herausforderungen, die nur im Team gemeistert werden konnten.

Zum Abschluss tauschten sich die Teilnehmenden online über ihre Erfahrungen aus und vertieften das Thema Inklusion bei einem Gespräch mit der Leiterin der Kunstwerkstatt & Galerie Akzent in Bruneck, die das Projekt der Lebenshilfe vorstellte. So wurde die Verbindung von praktischer Erfahrung, Reflexion und sozialer Teilhabe sichtbar.

Die Erfolgsgeschichte der Sozialgenossenschaft Vergissmeinnicht und der Kunstwerkstatt & Galerie Akzent

Sigrid Regensberger gründete Vergissmeinnicht, um ihrer Tochter, die als Grenzgängerin bezeichnet werden kann, eine Perspektive zu geben. Aufgrund ihrer Beeinträchtigung ist es ihr nicht möglich, in einen regulären Arbeitsplatz integriert zu werden, da die Anforderungen zu hoch sind. Gleichzeitig würde sie sich in einer Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigung nicht am richtigen Platz fühlen. Während das Schulsystem in Südtirol Menschen mit Beeinträchtigung stark in den Inklusionsprozess einbindet, finden viele nach der Oberschule keine geeignete berufliche Perspektive. Vergissmeinnicht entstand, um diese Lücke zu schließen und insbesondere für Sigrid Regensbergers Tochter langfristige Möglichkeiten zur Teilhabe am Arbeitsleben zu schaffen.

Die Kunstwerkstatt & Galerie Akzent in Bruneck wurde vor etwa zwanzig Jahren aus einer privaten Elterninitiative heraus gegründet. Ziel war es, Künstlerinnen und Künstlern mit Beeinträchtigung einen geschützten Raum zu bieten, in dem sie ihre Kreativität entfalten und künstlerisch tätig sein können. Die Werkstatt fördert Inklusion durch künstlerische Aktivitäten und ermöglicht den Austausch mit anderen Kulturschaffenden. Organisiert unter dem Dach der Lebenshilfe Südtirol, tragen unterstützende Personen, Künstlerinnen und Künstler mit Beeinträchtigung sowie Begleitpersonen wesentlich zum Erfolg der Einrichtung bei.

Beide Projekte verfügen über langjährige Erfahrung und eine nachweisliche Erfolgsgeschichte: Vergissmeinnicht, gegründet 2015, feiert 2025 ihr zehnjähriges Bestehen, was die wirtschaftliche Nachhaltigkeit und Tragfähigkeit des Einzelhandelskonzepts in Bruneck eindrucksvoll unterstreicht. Ebenso zeigt die Kunstwerkstatt & Galerie Akzent, die seit 2011 besteht, mit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreicher Tätigkeit die Relevanz und Sinnhaftigkeit ihres kulturell-künstlerischen Ansatzes.

Wie könnten diese beiden Projekte übertragen werden?

Die beiden Projekte unterscheiden sich deutlich in Zielgruppe, Struktur und Finanzierungsmodell, zeigen aber zugleich, dass beide Ansätze übertragbar sind – wenn auch unter unterschiedlichen Voraussetzungen.

Vergissmeinnicht ist ein privatwirtschaftlich geführtes Schneiderei- und Bekleidungsgeschäft. Die Finanzierung erfolgt überwiegend über den Verkauf der Produkte, nur ein geringer Anteil stammt aus Landesförderungen für die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung. Der Betrieb steht auf soliden wirtschaftlichen Beinen, hat einen treuen Kundenstamm aufgebaut und ist über die Provinzgrenzen hinaus als Marke bekannt. Mehrere Anfragen zur Unterstützung ähnlicher Initiativen an anderen Standorten zeigen das Potenzial einer Ausweitung. Frau Regensberger sieht die Übertragung dieses Modells grundsätzlich als möglich und sinnvoll an, weist aber darauf hin, dass der Aufbau eines wirtschaftlich tragfähigen Betriebs viel Engagement und Zeit erfordert.

Die Kunstwerkstatt & Galerie Akzent richtet sich an Menschen mit sehr starken Beeinträchtigungen, die in einem rein auf Eigenerlös angewiesenen Umfeld nicht zurechtkommen würden. Entsprechend finanziert sich die Werkstatt hauptsächlich über Landesförderungen. Durch den Austausch mit anderen Künstlerinnen und Künstlern sowie die Anerkennung der Werkstatt im Südtiroler Künstlerbund wird Inklusion dort in dem Maß gelebt, wie es für die Beteiligten sinnvoll ist. Die Teilnehmenden erproben neue Techniken und gestalten gemeinsam Ausstellungen. Auch dieses Modell ist grundsätzlich übertragbar, wie vergleichbare Einrichtungen zeigen: Die Gemeinschaft Sant’Egidio betreibt seit 1985 Kunstwerkstätten an mehreren Standorten (z. B. Würzburg, Rom) als Orte der Begegnung und des kreativen Ausdrucks von Menschen mit und ohne Behinderung. Das Kunstzentrum „Besondere Menschen“ in Ingolstadt ermöglicht inklusive Projekte für Menschen mit körperlicher und geistiger Beeinträchtigung, und die Kunstwerkstatt Lienz der Lebenshilfe Tirol weist eine ähnliche Struktur wie die Werkstatt in Bruneck auf.

Quellen und weiterführende Informationen: https://vergissmeinnicht.bz.it/, https://www.lebenshilfe.it/kunstwerkstatt-galerie-akzent-bruneck

Was: Inklusive Arbeit in den Alpen

Wer: Sigrid Regensberger (Initiatorin von Vergissmeinnicht) und Sarah Zingerle (Leiterin der Kunstwerkstatt & Galerie Akzent)

Wo: Bruneck – Südtirol

Wann: September 2025

Wie: Vergissmeinnicht entstand, um Menschen mit Beeinträchtigungen eine Perspektive zu geben und sie ins Arbeitsleben einzubinden. Die Kunstwerkstatt & Galerie Akzent in Bruneck wurde von einer privaten Elterninitiative gegründet, um Künstlerinnen und Künstlern mit Beeinträchtigung einen geschützten Raum zu bieten.

Übertragbarkeit: Frau Regensberger sieht die Übertragung des Modells von Vergissmeinnicht grundsätzlich als möglich und sinnvoll an, weist aber darauf hin, dass der Aufbau eines wirtschaftlich tragfähigen Betriebs viel Engagement und Zeit erfordert. Auch das Modell der Kunstwerkstatt & Galerie Akzent ist grundsätzlich übertragbar, wie vergleichbare Einrichtungen in Würzburg, Rom, Ingolstadt oder Lienz zeigen.